«Hohl ist ein Denker, wir anderen, fassen wir das Denken genau, sind es nicht: wir weichen dem genauen Denken ins Gleichnis aus. Hohl ist notwendig, wir sind zufällig.»[ Friedrich Dürrenmatt ]

Ludwig Hohl - Rezeption / Forschung

Während Hohls Schriften schon zu seinen Lebzeiten und auch nach seinem Tod beim grossen Publikum nur wenig Anklang und kaum Absatz gefunden haben, waren viele namhafte Schriftsteller des Lobs voll für den Mann und sein Werk. Einige markige Worte berühmter Schriftsteller über Ludwig Hohl seien hier zitiert.

Literarische Stimmen zu Hohl

FRIEDRICH DÜRRENMATT: "Ich bin ihm nicht gewachsen […] Darum schreibe ich Theaterstücke."

"Que dire de lui", fragte sich Dürrenmatt mit Bezug auf Ludwig Hohl 1969, um alsbald zu antworten: "Hohl braucht nicht kommentiert zu werden", um dann doch noch jene vielzitierten Sätze anzufügen:

Wir anderen, die wir auch schreiben, schreiben Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke. Wir wollen damit etwas ausdrücken, was wir nur durch ein Gedicht, eine Erzählung, ein Theaterstück ausdrücken können. […] Hohl schreibt anders als wir [mehr...] anderen. Er schreibt Sätze nieder, er tut das, was wir nicht tun, er tut das Unausweichliche: Er versucht, wahre Sätze zu schreiben, und deshalb sind seine Sätze wahr oder falsch. Unsere Sätze sind weder wahr noch falsch […] Hohl ist ein Denker, wir anderen, fassen wir das Denken genau, sind es nicht, wir weichen dem genauen Denken ins Gleichnis aus. Hohl ist notwendig, wir sind zufällig. Wir dokumentieren das Menschliche, Hohl legt es fest. Es fällt schwer, ihn auszuhalten. […] Ich kenne viele Schriftsteller. Ludwig Hohl ist der einzige, dem gegenüber ich ein schlechtes Gewissen habe. Ich bin ihm nicht gewachsen. Darum schreibe ich keine Sätze, darum schreibe ich Theaterstücke. (Franz. in Revue de Belles-Lettres; dt. in Alles ist Werk)

Dürrenmatt setzte sich aber nicht nur ideell für Hohl ein, sondern unterstützte ihn auch ganz handfest, indem er immer wieder kleinere Geldbeträge nach Genf schickte und über Jahre hinweg Hohls Telephonrechnung bezahlte. (N.B. Ludwig Hohl war ein grosser Telephonierer, sehr zum Ärger seiner Freunde oft zu mitternächtlicher Stunde; die Summen, die Dürrenmatt zur Begleichung seiner Rechnungen aufgewendet haben wird, dürften also beträchtlich gewesen sein!)

1952 befreite Friedrich Dürrenmatt Ludwig Hohl sogar aus einem unfreiwilligen Sanatoriumsaufenthalt und nahm ihn für einige Wochen zu sich in sein Haus nach Neuchâtel – "la dernière maison , à l'extrême limite de la civilisation", wie Hohl seine Wohnlage damals in einem Brief an Hanny Fries beschrieben hat (Brief mit Poststempel vom 5. Mai 1952 im Nachlass von Hanny Fries). Das kurze und im Grunde unmögliche Zusammenleben seiner Familie mit Ludwig Hohl hat Dürrenmatt in Vallon de l'Ermitage beschrieben (s. das verlinkte PDF auf S.5ff. Detailliertere Ausführungen zum Verhältnis Hohl-Dürrenmatt findet man im Aufsatz von Ulrich Weber "Dürrenmatt und Hohl: Als wär's ein Stück von ihm", in: Quarto. Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs, 36/2013, S.73-80.)
Bis heute unbekannt geblieben ist jedoch, dass es nach diesen intensiven, gemeinsamen Wochen für einige Zeit auch zu einem argen Zerwürfnis zwischen den beiden Schriftstellern gekommen ist. In einem weiteren Brief, datiert vom 3. Juli [scil. 1952] schrieb Hohl dann nämlich an "Fb." [scil. furry bee, Hohls Kosename für Hanny Fries]: "Ich wäre sehr neugierig, zu erfahren, was Dürrenmatt für eine Version gibt meines Aufenthalts. Es dürfte nicht gerade die sehr ähnliche sein der meinigen … Mich wieder diese ganze Nacht geärgert über seinen Ausspruch, den einer Anthologie würdigen (ich sage nicht welcher Art Anthologie): ’Wenn Du Einkünfte hättest, wäre alles dasselbe’." Allem Anschein nach wird Hohl Dürrenmatt gegenüber seine Schwierigkeiten und das langsame Vorrücken seiner damaligen Arbeit an der blauen Fassung von Von den hereinbrechenden Rändern entschuldigend oder zumindest erklärend mit seiner materiellen Notlage in Verbindung gebracht haben, was Dürrenmatt nicht gelten liess. Wie gravierend das daraus resultierende Zerwürfnis gewesen sein muss, geht aus einem Brief hervor, den Hohl eine Woche später seiner Hanny – wie so oft auf Französisch – schrieb: "Quant à Dürrenmatt. Je craint qu'il ne m'ait énormément nui a Zürich. Un de ses propos: 'Dir gibt jetzt niemand mehr etwas'." In vielen weiteren Briefen kommt Hohl noch lange und immer wieder sehr erbost auf Dürrenmatts anthologiewürdigen Ausspruch zurück: "Dü. – – etc. ; cette énormité qu'il a pu produire par ses propres lèvres que, si j'avais des revenues, ma situation serait la même. – Je mettrais dix ans – mais je n'oubliereais pas un tel propos" – so und ähnlich tönt es in seiner Korrespondenz auch noch Monate später (vgl. z.B. die Briefe an Hanny Fries vom 9. und 13. November 1952). [zuklappen]

MAX FRISCH: Glaubhaft und von hohem Rang

Prominent und öffentlich hat sich Max Frisch bereits im September 1943 in der Neuen Schweizer Rundschau in einer langen Rezension zu Hohls kleiner Publikation Vom Arbeiten im Selbstverlag geäussert. Auch wenn diese Rezension zu weiten Teilen "nur" aus Zitaten besteht und man darin auf ein durchaus als "kritisch ausgewogen" zu bezeichnendes Urteil stösst, [mehr...] wird man allein schon in der Tatsache, dass Frisch Hohls Worte wiederholt und besprochen und dabei von "unserem Autor" gesprochen hat, zu Recht eine gewisse Respektsbekundung gesehen haben. Frischs Fazit lautete:

Es ist in diesen [scil. Hohls] Aphorismen ein Ernst des Denkens, fühlbar in einem fanatischen Ernst zur Präzision, eine Würde, die auch durch gelegentliche, menschlich wohl begreifbare, aber höchst schnoddrige Polemik nicht abzutragen ist; eine Haltung, der wir glauben."

Ein paar Monate zuvor, hatte Max Frisch seine tiefe Bewunderung für Hohl schon in einem privaten Brief an den Autor signalisiert. Zwanzig Jahre später äussert er sich in der Hauszeitschrift des Walter Verlags noch einmal in einem offenen Brief zu Hohl bzw. zur Publikation von Dass fast alles anders ist in diesem Verlag (literarium 12/1964):

Am Rang dieses eigentümlichen Werks habe ich zusammen mit einigen andern, vor allem Jüngeren, nie gezweifelt; dass die Verleger, aufmerksam gemacht, nie eingestiegen sind, ist verwunderlich und auch wieder nicht, verwunderlich, da die Sprachleistung doch so offensichtlich ist, aber Ludwig Hohl deckte sich niemals mit der Nachfrage auf dem intellektuellen Markt, tut's auch heute nicht – und besteht trotzdem oder gerade drum [sic.!] und nicht einmal als sogenannter Geheimtip: sein Werk besteht seit Jahrzehnten. Wie viele Werke tun das, wenn nicht Ruhm sie in permanenter Mode hält? Ein Werk, angelegt vor dreissig Jahren, […] aber virulent jetzt wie vor Jahrzehnten und lesbar, als wäre es jetzt entstanden, abseitig-gegenwärtig 'unberühmt', aber vorhanden, als Sprache akut, ich denke, das ist Rang. Ich beglückwünsche Sie als Verleger. Es lag nicht auf der Hand, Ludwig Hohl wieder oder endlich herauszugeben; es ist keine Entdeckung und kein Denkmalschutz; keine Wiedergutmachung; es ist eine Erschliessung von etwas Vorhandenem; es ist nur wichtig und richtig.

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ELIAS CANETTI: "Huldigung, nicht zu spät."

Im kurzen Text "Huldigung, nicht zu spät" beschreibt Elias Canetti den ungeheuer starken Eindruck, den der ihm damals physisch noch völlig unbekannte Ludwig Hohl auf ihn gemacht hat, als dieser bei einer seiner Lesungen in Genf in der ersten Publikumsreihe sass (in: Das Geheimherz der Uhr, Aufzeichnungen 1973-1985; o.O. [München], Hanser, 1987, S.108-111). Hohls [mehr...] Erscheinung wird von Canetti beschrieben als "ungeheuer gespannt, auf die einzige Weise alt, wie ich es liebe, nämlich mehr am Leben, um alle Jahre mehr, aufmerksamer, unnachgiebiger, erwartungsvoll und bereit, so als wäre es seine Aufgabe, über das meiste noch zu entscheiden und ja nichts auszulassen. Kein Messen mehr, sondern die Sache selbst, die Gedanken, Wendungen, Windungen, Schläge. […] Der Kopf, der – so schien es mir – zu einem achtzigjährigen Mann gehörte, beschäftigte mich während der ganzen Lesung". Nach der Lesung werden die beiden Schriftsteller einander vorgestellt. Davon berichtet Canetti wie folgt:
Die Gesellschaft verzog sich aus dem Vortragssaal in einen Raum daneben, wo sich auch ein Büffet befand, um dort hinzugelangen, musste man sich durch einen gar nicht breiten Türrahmen zwängen. Das gab mir die erste Gelegenheit, auf seinem Vortritt zu bestehen. Er zögerte, ich liess nicht locker, er sagte schliesslich ziemlich verlegen: "Ich bin der ältere, gut!" und machte einen Schritt. Ich sagte: "Nein, nicht deswegen, ich galube gar nicht, dass Sie der ältere sind." Ich wusste es zwar, er war um einige Monate älter, dieser Teil des Wortwechsels hatte etwas Läppisches, aber ich hatte erreicht, was ich wollte: es war überdeutlich, dass ich ihn ehrte. [zuklappen]

ROBERT MUSIL: "Ein Hohl-Kopf"

Hohl und Musil hätten sich in den Jahren des Zweiten Weltkriegs in Genf, wo sie beide in äusserst ärmlichen Verhältnissen lebten, durchaus begegnen können. Zu einer persönlichen Bekanntschaft zwischen den beiden Schriftstellern scheint es aber nicht gekommen zu sein. Dabei war Ludwig Hohl von Robert Musil ganz begeistert – insbesondere vom Mann ohne Eigenschaften, den er als eines der wenigen gelungenen Beispiele dafür erachtet hat, wie man einen Roman schreiben konnte, nachdem das Romanschreiben s.E. unmöglich geworden war. Umgekehrt hielt sich die Begeisterung allerdings gelinde gesagt in Grenzen. In seinem Tagebuch notiert Musil über Hohl: " Schweizer Aphoristiker. Jetzt weiss ich wenigstens, was ein Hohl-Kopf ist." (Tagebücher. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg, 1983, S. 805)

HANS F. GEYER: "Ein europäisches Ereignis"

Eine mehrjährige Freundschaft verband Ludwig Hohl mit dem Schweizer Philosophen Hans Rütter alias Hans F. Geyer, den Hohl zwar einmal als "den unbedingt grössten Schweizerphilosophen " bezeichnet hat (in: Der Brückenbauer vom 4.11.1977), der aber bis heute die Beachtung, die er verdient, noch weniger gefunden hat als er selbst. Geyer hat Hohl nicht [mehr...]nur immer wieder mit bedeutenden Summen finanziell unterstützt, sondern ihn fast schon rituell auch alljährlich am Osterwochenende in Genf besucht. Daneben haben die beiden eine – v.a. von Geyers Seite - äusserst umfangreiche Korrespondenz geführt, die in Hohls Nachlass erhalten geblieben ist und es unbedingt verdient, eingehend untersucht zu werden, damit die gedanklichen Verbindungen zwischen den beiden ans Licht kommen. Der erste Brief von Geyer, datiert vom 27. Juni 1955, beginnt wie folgt:
Lieber Herr Hohl, Ich weiss nicht, ob ich der Leser bin, den Sie suchten, aber ich weiss, dass Sie der Autor sind, den ich gesucht habe. Für mich sind Sie der erste Philosoph der schweizerischen Literaturgeschichte, denn, wenn man es sich richtig überlegt, wie wurde bisher in der Schweiz philosophiert? Immer im "Zusammenhang", immer mit einer Rückendeckung, einer Rückversicherung. Im Rücken hatte man eine Wissenschaft und nach vorn den Zweck, der die Mittel heiligt, selbst dieses letzte und verschmähteste aller Mittel – die Philosophie. Es wurde philosophiert im Zusammenhang mit der Pädagogik (Pestalozzi), mit der Geschichte (Jakob Burckhardt), mit der Psychologie (C.G. Jung). Und fast hätte ich noch Herrn Barth und Herrn Brunner vergessen (philosophia ancilla theologieae). Die reine Philosophie aber, sofern ihr nicht als domestizierte Philosophie, als Universitätsphilosophie, von vornherein die Spitze abgebrochen wurde, erfreute sich von jeher und erfreut sich noch jetzt des gesündesten Misstrauens. Dieses Misstrauen wird die freischwebende Philosophie, die Philosophie an und für sich Ihrer "Notizen"wohl auch zu spüren bekommen haben. Sie haben den Stummen reden gelehrt, denn aus den "Notizen" spricht eine Nation, die seit ihrer Geburt in diesem geistigen Raume geschwiegen hat. Und deshalb auch ist Ihr Werk nicht nur ein schweizerisches, sondern eine europäisches Ereignis – was noch zu beweisen ist, aber ich zweifle nicht daran, dass der Beweis erbracht wird, besser noch: ich kann nicht daran zweifeln. […] Ich habe immer das Leben höher gestellt als das Werk, das Werk war mir immer nur Mittel zu mehr Leben. Wenn Leben und Werk eins, wenn sie im wesentlichen Sinne "Arbeit" sind, wie Sie sagen, dann kann Anerkennung nichts hinzutun, mangelnde Anerkennung nichts davon wegnehmen. Der zähe Wille ist da, ([…]), die Stimmung und Gestimmtheit wird jeden Tag genützt. Es kommt mir darauf an, die Philosophie so ins Leben eingehen zu lassen, dass sie zum Leben selbst wird so dass also das eigentliche Werk und Kunstwerk nicht das Werk, nicht die Betrachtung, sondern das Betrachtete ist. Gestatten Sie mir nun, einiges anzuführen was ich direkt oder indirekt, dem intensiven, wiederholten Studium der "Notizen" verdanke (ich las dieses Werk so, wie man die Bibel lesen sollte):

Ludwig Hohl. Seine Bücher machen mich denken, was allemal das Beste ist, was ich von Büchern überhaupt sagen kann.

Exil. On ne fait de la poésie qu'avec l'anti-poétique (Ramuz). Und ich setze hinzu: On ne fait de la philosophie qu'avec l'anti-philosophique. Die genaue existentielle Entsprechung hievon ist mein Doppelleben als Philosoph und Kaufmann.

über die "Notizen". Eine zweite Lektüre gehört sich für ein Werk, das offenbar in der Vorstellung dreimal, vielleicht viermal, wenn auch in Wirklichkeit nur einmal geschrieben wurde. Hier die Wiederholung in der Einmaligkeit. Das Geheimnis der Wiederholung in der Einmaligkeit aber ist die Essenz.

[…]

über die "Notizen". Die Empfindung des Geistereichen hat sich bei mir mit der zweiten Lektüre des Buches nicht verflüchtigt, sie ist geblieben, ja hat sich verstärkt, aber eine andere hat sich ihr beigestellt, ich empfinde nun das Buch als eine wirkliche Leistung, als äusserst tüchtig, in einem beinahe bürgerlichen Sinne.

[…]

über die "Ungeschicklichkeiten" Ihrer "Notizen": Die frühen Ungeschicklichkeiten innerhalb des philosophischen Systems sollten stehen gelassen werden, diese Heuristik, welche durchwegs zeigt, wie die Gedanken sich entwickelt haben, wie sie [4] gefunden wurden, überzeugt viel mehr als die logisch perfekte Spätform des Systems. Denn die logische übereinstimmung kann immer gemacht werden, sie ist auch oft Mache, die Entwicklung aber macht sich selbst.

[…]

Der Geist war nie weniger wirklich frei als heute, da niemand daran denkt, ihn zu unterdrücken.

[…]

Mit herzlichen Grüssen, Ihr H. Rütter

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PETER HANDKE: "kein misanthropischer Einzelgänger"

In seiner Rede zur Verleihung des Petrarca-Preises an Ludwig Hohl (1980) hat der österreichische Schriftsteller Peter Handke seine Verehrung für ihn wie folgt zum Ausdruck gebracht: Ludwig Hohl: Wie die Verehrung weitergeben, ohne sie zu verraten? Denn die Verehrung ist etwas Kostbares. Sie ist ein Bedürfnis. […] Nein, Ludwig Hohl ist kein misanthropischer Einzelgänger oder Eigenbrötler "in einem Kellerloch" (das stimmt alles nicht), sondern ein heiterer, auch verschmitzter [mehr...] Geist auf einer hohen, hellen Etage, der für uns zuständig ist; dem ich hier und da widerspreche, aber dem ich aufs Wort glauben kann; und der mich, seinen Leser, in dem tonlosen Gescharre, das (wohl seit jeher) als Literatur umläuft, als Geist und als Stimme erschüttert hat. – Denn nichts ist erschütternder als einer, der zum Geist durchgedrungen ist, ihn in der Arbeit hervorkehrt und als Form an uns weitergibt. […] Ludwig Hohls Werk, wie heutzutage kaum noch eines, lässt sich, ohne Voraussetzung oder übereinkunft, nehmen und lesen. Es ist so unerhört wie selbstverständlich. Es muss nicht entdeckt, empfohlen oder durch Interpretieren nahegebracht werden, sondern steht frei zur Lektüre, wie eine in die Natur gehörende und diese erst beseelende Menschenschrift. – Und indem es Satz für Satz zur Freude hinführt, ist es das, was der Philosoph als das Gute versteht. (Peter Handke: Ein Gruss an Ludwig Hohl in: Petrarca Preis 1980-1984 […]; Frank Lucht [Red.], Autorenbuchhandlung München, o.J. [ca. 1984], S. 178f.)
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GEORGE STEINER: "Geheime[r] Meister der deutschen Prosa des 20. Jahrhunderts"

In seiner Grammatik der Schöpfung (2001) betitelt George Steiner Ludwig Hohl als "einen der geheimen Meister der deutschen Prosa des 20. Jahrhunderts" (Hanser, München, 2001, S. 230) und fährt fort:
Hohl, der davon überzeugt war, dass Schöpfung in irgendeinem grundlegenden Sinne ausserhalb menschlicher Reichweite liegt, entwickelte scharfe Beobachtungskräfte. Er war ein [mehr...] Voyeur, was die Nuancen und Schauder der Sensibilität angeht. Hohl erfuhr physische und psychische Phänomene als endlos fragmentiert. Mit desillusioniertem Skrupel fügte er diese Fragmente zu einem Sprachmosaik von ausserordentlicher Klarheit zusammen. […] Hohl dessen Name allein ein Omen ist, war ein Sammler von Momenten der Stille und Einsamkeit. […] Aus authentischer Isolation kann Befreiung durch eine zufällige Begegnung erfolgen, vor allem die mit einem magischen Text (beispielsweise mit Goethes Maximen und Reflexionen oder Spinozas Ethik, die für Hohl den Text der Texte darstellte). Paradoxerweise haben "die Grössten, welche die Einsamen sind, Vertrauen zur Welt", ein Vertrauen wie zu einem Bruder. Ihnen ist die Brüderlichkeit des Wesentlichen eigen. Das ist für Ludwig Hohl methodologisch das Entscheidende. Nur Einsamkeit, so schwierig, so demütigend, ja zersetzend sie ist, kann Kunst und Denken vor Verfälschung bewahren. Die Medien, die Lust zum Kommunizieren mit gesellschaftlich anerkannten und prämierten Mitteln, die Manipulation des Diskurses in Richtung auf Zustimmung und Erfolg, sind eine irreparabale Verschwendung des Geistes. Kommunikation mit anderen ist eine sekundäre, fast unvermeidlich suspekte Funktion. Sprache ist nur dann sich selbst treu, wenn sie (immer unvollkommen) danach strebt, sich den "Wahrheitsfunktionen" in sich selbst zuzuwenden. ähnlich wie Kafka, dessen letzte Parabel vom "Bau" so unheimlich auf Ludwig Hohls tatsächliche Existenz hindeutet, glaubte dieser, echte Kommunikation gebe es nur, wenn der Zuhörer "entsetzt" sei. Montaignes Turm, Dickinsons solitäres Nonnenkloster, Hohls Höhle – jedes eine Einzelhaft, aber frei gewählt im Streben nach Wahrhaftigkeit.
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Hohl im Echo seiner Zeit

Von einigen verstreuten Rezensionen und Besprechungen in Schweizer Tageszeitungen und Magazinen abgesehen, ist es um Ludwig Hohls schriftstellerisches Werk Zeit seines Lebens fast gespenstig ruhig geblieben. In den 1960er Jahren unternahm zwar eine ganze, junge Schweizer Schriftstellergeneration regelrechte Pilgerfahrten zu Hohl ins Genfer Kellerloch. In der Deutschschweizer Presse wurden daraufhin einige begeisterte Besuchsreportagen von solchen Wallfahrten publiziert. Diese Veröffentlichungen führten aber mehr zur Verbreitung und Zementierung schillernder Legenden um einen eidgenössischen Exoten und 'enfant terrible' der Schweizer Literatur, als dass sie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem Werk zur Folge gehabt hätten.

 

La Revue de Belles-Lettres: Ludwig Hohl, Nr. 3/1969. Rainer M. Mason (Hg.). 96 S.

Als einzige Literaturzeitschrift widmete die französischsprachige Revue de Belles-Lettres Ludwig Hohl schon zu Lebzeiten eine eigene Nummer. Neben zwölf Textauszügen von Hohl und einigen prominenten deutschsprachigen Besprechungen in französischer Übersetzung (Max Frisch, Kurt Marti, Otto F. Walter) wurden darin auch eine stattliche Anzahl neuer Beiträge versammelt, in denen der Autor und sein Werk aus unterschiedlichen Blickwinkeln vorgestellt werden (u.a. Friedrich Dürrenmatt, Jörg Steiner und Peter Bichsel). Die meisten dieser Texte haben explizit einführenden Charakter. (Zum Inhaltsverzeichnis)

 

 

Ludwig Hohl. Johannes Beringer (Hg.). Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1981. 275 S.

Erst nach seinem Tod hat Johannes Beringer die wichtigsten Aufsätze, Rezensionen und Berichte über Hohl aus einem Zeitraum von vierzig Jahren zusammengetragen und in der Reihe "Suhrkamp Taschenbuch Materialien" gesammelt herausgebracht. Für diesen Sammelband hat der Herausgeber zudem ein äusserst hilfreiches und sorgfältig recherchiertes Verzeichnis der Veröffentlichungen von und über Ludwig Hohl erstellt (S. 217-270). Darin wurde zum ersten Mal der Umfang von Hohls langjähriger, sogenannter 'Zeitungsarbeit' ersichtlich (d.h. Voraus- und Nachpublikationen von Auszügen aus einen Werken in Zeitungen und Zeitschriften) . Wer diesen Spuren in Beringers Verzeichnis folgt, stösst auf interessante Varianten und Zusätze zu einzelnen, von Hohl auch in Buchform publizierten Texten. (Zum Inhaltsverzeichnis)

 

Der Nachhall auf Ludwig Hohl

Anlässlich des hundertsten Geburtstags von Ludwig Hohl (2004) ist es zu drei Publikationen gekommen, in denen verschiedene neue Beiträge zum Autor versammelt und auch einige unveröffentlichte Text aus dem Nachlass herausgegeben wurden. Einen Eindruck dieser Sammelbände vermitteln im Folgenden deren Klappentexte, Vorworte und Inhaltsverzeichnisse.

 

Ludwig Hohl. "Alles ist Werk". Peter Erismann, Rudolf Probst, Hugo Sarbach (Hgs.). Frankfurt a.M., Suhrkamp, 2004. 298 S.

(Klappentext:) Dieser Band enthält Hohls letzte und unpublizierte Fassung seines Werks Von den hereinbrechenden Rändern und versammelt Beiträge von Autoren, die sich seit vielen Jahren mit Hohl beschäftigen. Texte von Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch zeugen von der Verehrung der beiden grossen Schriftsteller-Kollegen. Die Beiträge mit Dokumenten aus dem Nachlass ermöglichen zum ersten Mal einen Einblick in die Schreib- und Denkwerkstatt Ludwig Hohls. Die zahlreichen, zum grossen Teil unveröffentlichten Fotografien geben ein facettenreiches Bild des Autors wieder, der nach Stationen in Frankreich, Österreich und Holland über zwanzig Jahre in einer Kellerwohnung in Genf gelebt und gearbeitet hat. (Zum Inhaltsverzeichnis)

 

 

Text+Kritik, 1/04, Heft 161. Heinz Ludwig Arnold (Hg.). München, Richard Boorberg, 2004. 111 S.

(Klappentext:) Ludwig Hohl (1904-1980) war das 'enfant terrible' der deutschschweizer Literatur des 20. Jahrhunderts. […] Das vorliegende Heft, das einen poetologischen, hier erstmals veröffentlichten Brief Hohls enthält, stellt den eigenwilligen Autor vor und analysiert verschiedene Aspekte seines Werks, insbesondere der 'Notizen' und der noch unveröffentlichten "Epischen Grundschriften". (Zum Inhaltsverzeichnis)

 

 


Drehpunkt. Die Schweizer Literaturzeitschrift. Nr. 118, April 2004. Rudolf Bussmann, Martin Zingg (Hgs.), Basel, Lenos.

(Aus dem "Vorwort" der Herausgeber:) Ludwig Hohl (1904–1980) war schon zu seinen Lebzeiten eine Legende. Auch wer nicht zu seinen Lesern gehörte, hatte vom Sonderling schon gehört, der in einem Keller hause, seine Manuskripte an einer Wäscheleine aufhänge und mit der Pistole [mehr...] herumfuchtle. Jüngere Autoren unternahmen Wallfahrten zum genialischen Einsiedler. Ihre Versuche, Hohls literarische Bedeutung in Erinnerung zu rufen und die Legende zu entmystifizieren, machten den Autor engültig zur literarischen Figur, in der sich Dichtung und Wahrheit unauflöslich verwoben. Die Texte zweier Hohl-Reisender aus den sechziger Jahren sind in dieser Nummer abgedruckt: Sie stammen von Peter Bichsel und Jörg Steiner.

Wir wollten in Erfahrung bringen, wie Schreibende heute die Notizen, Hohls Hauptwerk, lesen oder wiederlesen. Lässt sich in irgendeiner Weise an Hohls Denken, an sein Schreiben anknüpfen – was davon kann heute noch berühren? Die Frage legten wir einer Reihe von Autorinnen und Autoren vor. Interessant, dass mancher Beitrag wiederum Hohls Person thematisiert – nicht nur der Bericht Peter Friedlis, des Fotografen und Arztes, der an die Begegnung mit seinem Freund erinnert. An Hohls Schreiben anknüpfen? Dazu war der Autor ein allzu eigenwilliger Querdenker. »Die soziale Wirkung des Schriftstellers«, sagt er hellsichtig in einem der Texte, mit denen das Heft schliesst, »ist im allgemeinen gleich Null«. Indes zählt neben der sozialen Wirkung vor allem die literarische. Und die ist in seinem Fall bemerkenswert – nach wie vor sind Hohls Notizen hochgradige Anreger für Literatinnen und Leser.

Wir danken allen, die bei dieser Nummer mitgemacht haben, namentlich auch der Künstlerin Hanny Fries, der langjährigen Freundin Ludwig Hohls, für ihre Traumbilder und "Nachtfenster", angeregt durch die Lektüre der Notizen. (Zum Inhaltsverzeichnis)   [zuklappen]


In dieser unvollständigen Aufzählung dürfen einige Veröffentlichungen nicht fehlen, in denen Hohls Werk nach seinem Tod auf herausragende Weise und beleuchtet wurde. Dazu gehört natürlich auch Alexander J. Seilers Filmporträt Ludwig Hohl – Ein Film in Fragmenten (73'), das 1982 an den Solothurner Filmtagen zur öffentlichen Uraufführung gekommen ist. (Der Film kann im 16mm-Verleih bezogen werden bei der Filmcoopi in Zürich.)

Zu diesem Film hat Alexander J. Seiler in der Edition Zyklop ein kleines Büchlein herausgebracht (127 S.), zu dem Adolf Muschg das Vorwort geschrieben hat. Darin findet man das einzelbildgenaue Protokoll des Films sowie vier Texte, die der Autor in den Jahren 1960 – 1980 zu Ludwig Hohl verfasst und bereits anderswo publiziert hat. Das Büchlein kann unter folgender Adresse bezogen werden: Alexander J. Seiler, Pflanzsschulstrasse 95, 8004 Zürich.

 

 

 

Neben einigen kleineren Aufsätzen von Hans Saner (u.a. in den Akten des Pariser Kolloquiums und im Suhrkamp Materialien-Band) und Rafael Ferber, hat sich Ludwig Hohl bisher in grösserem Umfang erst Paul Good unter philosophischem Gesichtspunkt angenähert. Sein Buch Der Schaffende enthält Betrachtungen zu folgenden Themenkreisen: Anfang, Arbeiten, Berg, Bild, Eigenes, Einzelnes, Finden, Leben, Leichtigkeit, Notizen und Ort. (Edition Originär 5, Hofhaus Presse, Ratingen, 1998, 64 S.)

 

 

 

 

Einen Einblick in Hohls Alltag als Schriftsteller und seine ebenso pedantische wie eigenwillige Art, diesen unter schwierigsten Umständen zu bewältigen, gewährt Werner Morlangs Buch Die verlässlichste meiner Freuden. Hanny Fries und Ludwig Hohl: Gespräche, Briefe, Zeichnungen und Dokumente (Nagel & Kimche, München, 2003. 391 S.). Mit Recht heisst es dazu im Klappentext:[mehr...]
Der philosophisch-dichterische Grenzgänger Ludwig Hohl (1904-1980) hat sich auf Anhieb so überzeugend als Geheimtipp qualifiziert, dass er es bis heute geblieben ist. Namhafte Kollegen […] haben sein Werk gepriesen, und viele haben das umraunte Genie im Kellerloch persönlich aufgesucht. Auf diese Weise entstand eine anekdotisch gespickte Legende, die Hohls Erscheinung eher verfremdet als beleuchtet. Werner Morlangs Gespräche mit Hanny Fries, die sechs Jahre lang Hohls Gefährtin war, eine Auswahl bislang unveröffentlichter Briefe und eine Vielzahl von Bildern, darunter über zwanzig Porträts, die Fries von ihm anfertigte, zeigen Ludwig Hohl als einen genialischen und ungeheuer beharrlichen Menschen. (Zum Inhaltsverzeichnis)
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Besonders zu erwähnen ist schliesslich auch noch ein reich bebildeter, italienischsprachiger Sammelband, den Peter Erismann und Anna Ruchhat herausgegeben haben: Ai margini del vuoto: Ludwig Hohl e l'evocazione delle cose (Effigie, Milano, 2007, 151 S.). (Zum Inhaltsverzeichnis)

 

 

 

 

 

Quarto, 36/2013. Martin Raaflaub, Magnus Wieland (Hgs.). Genf, Slatkine, März 2013, 96 S.

(Editorial) Verehrt, verpönt und kaum gelesen – auf diesen kleinsten Nenner ließe sich das literarische Schicksal von Ludwig Hohl (1904–1980) wohl bringen. Lange Zeit unter mühseligen Umständen gegen seine Erfolglosigkeit ankämpfend, wurde er schließlich als enfant terrible der Schweizer Literatur in der Öffentlichkeit bekannt und als writer’s writer in Literatenkreisen herumgereicht. [mehr...] Ein Kult des verkannten Genies entstand so in den 1960er Jahren um Hohls notorische Künstlerexistenz. Scharenweise pilgerte man zum Notizenschreiber ins Genfer Kellerloch, um dort seine Zettelwirtschaft an den aufgespannten Wäscheleinen zu bewundern, die sich seither nahezu ikonographisch ins kulturelle Gedächtnis eingeprägt haben. Doch was stand auf diesen Zetteln geschrieben? Was notierte sich der Autor da eigentlich auf seine Papiere? Solche Fragen nach inhaltlichen Aspekten von Hohls monumentalem Notizenwerk sind angesichts des Personenkults weitaus zu wenig oft gestellt worden und, wo doch, eher im Hintergrund geblieben. Heute sind die Zettel längst von der Leine abgenommen und liegen sorgsam verwahrt in mehreren hundert Schachteln im Magazin des Schweizerischen Literaturarchivs. Dort mögen sie dem Forscher zwar einen weniger spektakulären Anblick bieten, dafür einen umso diskreteren Einblick in die literarische Werkstatt des Autors – und eine Gelegenheit, sich vertieft mit Ludwig Hohl zu befassen. Diese Gelegenheit ist durch ein dreijähriges, vom Schweizerischen Nationalfond gefördertes Forschungsprojekt Die Philosophie Ludwig Hohls in den «Notizen» (2010–2013) wahrgenommen worden. In dessen Rahmen und in Zusammenarbeit mit der Ludwig Hohl Stiftung sowie dem Schweizerischen Literaturarchiv wurde 2010 ein wissenschaftliches Kolloquium zu Hohls 30. Todestag an der Universität Luzern organisiert, um die Auseinandersetzung mit dem Werk des eigenwilligen Notizenschreibers neu zu beleben. Die Resultate dieser Tagung liegen nun gesammelt und ergänzt durch weitere Beiträge mit dieser Quarto-Ausgabe vor.
Zum Inhaltsverzeichnis
Weitere Angaben zur Publikation
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Neben den lange erwarteten Neuauflagen einiger Werke von Ludwig Hohl sind unlängst erfreulicherweise von Johannes Beringer und Anna Stüssi zwei grössere Publikationen dazugekommen, die – beide auf ganz unterschiedliche Weise – sein Leben und Schaffen unter neuer Perspektive und in kaum dagewesener Tiefe beleuchten:

Hohls Weg. Johannes Beringer. Pro Business Verlag. 2013. 220 S.

Der Autor selbst charakterisiert sein Buch wie folgt (Klappentext): "Hohls Weg widmet sich dem schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl (1904-1980), ohne doch den Versuch zu machen, ihn biographisch festzulegen: die Biographie soll - wie fragmentarisch auch immer - aus der Darstellung seines Denkens und Schreibens hervorgehen. [mehr...] Ich versuche also, eine "Linie" oder einen "Weg" nachzuzeichnen, indem ich (auch verborgener liegende) Motive und Zusammenhänge aufgreife, die mir zu der Hohl eigenen Sphäre des Denkens zu gehören scheinen. "Schreiben als Forschung" hiesse nichts anderes, als die Zeit ignorieren, um sich der Zeit auszusetzen: dem überwältigend allgegenwärtigen Verwertungsdruck standhalten, den allzu leichten Lösungen Widerstand entgegensetzen, also zum Schreiben, zur Arbeit am Text stehen. (Das Herausarbeiten von Fragen- und Themenkomplexen, die aus der Zeit kommen und über die Zeit hinausreichen.) Sich nicht abhängig machen (von nichts und niemandem), sich durchdringen lassen (von allem und jedem): Unmittelbarkeit herstellen - und zugleich, in Hohls Terminologie, sein "Bild" bewahren." [zuklappen]

Ludwig Hohl. Unterwegs zum Werk. Eine Biographie der Jahre 1904-1937. Anna Stüssi. Wallstein Verlag. 2014. 401 S.

(Klappentext)

Ludwig Hohl ist noch in Erinnerung als der eigenwillige, unter aufgehängten Zetteln in einem Genfer Keller hausende Denker. Anna Stüssi erzählt die wilden Jahre des Unterwegsseins, die dieser Sesshaftigkeit vorausgingen. [mehr...] Ludwig Hohl fand erst im Alter die ihm gebührende Anerkennung. Sein Denken in Fragmenten, entlang der Zwischenräume und Ränder des Bewusstseins, ist von erstaunlicher Modernität, entwickelt in den Zwanziger- und Dreißigerjahren, aus Heimatlosigkeit. Die Biographie von Anna Stüssi rückt diese Zeit ins Zentrum. Der junge Hohl flieht aus der Enge der Schweiz zunächst zum Pariser Montparnasse. Ruhelos ist er unterwegs, weiter in die Alpen, nach Marseille, Wien und schließlich ins stille Den Haag, wo er den Durchbruch zu seiner ganz eigenen Denkform erlebt. Als er aus finanzieller Not 1937 in die Schweiz zurückkehrt, trägt er im Gepäck sein fast vollendetes Werk: tausend Seiten »Notizen«. Anna Stüssi hat aus mehrheitlich unpublizierten Quellen geschöpft. Entstanden ist das einfühlsame Porträt eines Menschen, der das Leiden an sich selbst, an Freunden und Geliebten und den bedrohlichen Zeitumständen kontinuierlich verarbeitet und mit großer poetischer Kraft transformiert. Weitere Informationen zur Publikation [zuklappen]

Ludwig Hohl in der wissenschaftlichen Diskussion

Die wissenschaftliche Erforschung von Ludwig Hohl begann 1969 mit einer Dissertation von Xaver Kronig an der Universität Freiburg (i.Ü.): Ludwig Hohl. Seine Erzählprosa mit einer Einführung in das Gesamtwerk (Lang, Bern, 1972, 184 S. Zum Inhaltsverzeichnis). Über seine Arbeit hat Kronig das Goethe-Wort gestellt: "Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen bösen Stand." Entsprechend formuliert Kronig als Ziel seiner Arbeit (S.10): "Die vorliegende Abhandlung ist […] ein Versuch. Wenn es ihr jedoch gelingt, Ludwig Hohl ein wenig mehr ins literarische Bewusstsein unserer Tage zu rücken und vor allem sein bedeutendes Werk einem grösseren Leserkreis zugänglich zu machen, hat sie ihren Zweck erfüllt" . Kronigs Dissertation bietet denn auch einen guten Einstieg in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Ludwig Hohl. Dabei warnt Kronig v.a. auch zu Recht vor den Schwierigkeiten und Gefahren dieses Geschäfts.

Eine zweite Dissertation wurde 1973 von Adrian Ewald Bänninger bei Juris in Zürich verlegt: Fragment und Weltbild in Ludwig Hohls Notizen. Einführung und Deutung eines Werks am Rande der schweizerischen Gegenwartsliteratur (169 S. Zum Inhaltsverzeichnis). Obschon es sich auch dabei – wie schon bei Kronig und bei den beiden nachfolgenden Dissertationen – um eine literaturwissenschaftliche Arbeit handelt, lässt sich Bänninger sehr breit über philosophische Aspekte der Notizen aus. In seiner Dissertation zeichnen sich drei Fragestellungen ab, die seither im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses an Ludwig Hohls Notizen gestanden haben: die Frage nach ihrer Einheit, ihrer Gattung und ihrem philosophischen 'Gehalt'.

In "Möglichkeitswelt". Zu Ludwig Hohls Dichtung und Denkformen ist Werner Fuchs' Interesse an Ludwig Hohl zweigeteilt: auf der einen Seite möchte er das untersuchen, was er Ludwig Hohls "Weltanschauung" nennt, und wofür er Heraklit, Spinoza und Goethe als Vorbilder erkennen zu können glaubt; auf der anderen Seite liefert er eine recht ausführliche Interpretation der Bergfahrt und beschliesst seine Studie mit einigen Betrachtungen zu gattungstheoretischen Aspekten (Lang, Bern, 1980, 155 S. Zum Inhaltsverzeichnis).

Nachdem die akademische Erforschung von Ludwig Hohl in den 1980er und frühen 1990er Jahren (fast) vollständig zum Erliegen kam, hat Sabine Haupt mit Ihrer Dissertation "Schwer wie ein weisser Stein". Ludwig Hohls ambivalente Bewältigung der Melancholie einen Neuanfang gemacht (Lang, Bern,1997. 326 S. Zum Inhaltsverzeichnis). In ihrer Arbeit werden alle vorangehenden Arbeiten in manchen fachwissenschaftlichen Aspekten scharf, ja vernichtend kritisiert. Unter gattungstheoretischer Perspektive fragt Haupt, ob – entgegen der einhelligen Meinung aller vorangehenden Forscher – nicht vielleicht doch ein adäquater Aphorismusbegriff für die Interpretation der Notizen fruchtbar gemacht werden könne; die von Hohl prätendierte Einheitlichkeit seiner Notizen hingegen, zieht die Autorin in Zweifel und erweist gekonnt das Unzulässige und Verfehlte in allen bisherigen Versuchen, eine vermeintliche Einheit in sie hineinzukonstruieren. Zum Verhältnis zwischen dem didaktisch-rational aufgeklärten Impetus seines Notizenschreibens und den genuin erzählerischen Passagen in seinem Gesamtwerk wird die These aufgestellt, dass wir es bei Ludwig Hohl da mit zwei unterschiedlichen Melancholie-Bewältigungsstrategien zu tun hätten. Die Melancholie ihrerseits sei als Effekt einer von Ludwig Hohl nicht vollständig geleisteten Säkularisation religiöser Inhalte zu verstehen. Eindrücklich und überzeugend werden von Sabine Haupt unter dieser Perspektive die Erzählungen "Nächtlicher Weg" und "Optimismus" analysiert.

Nach Haupts Dissertation folgte erneut eine längere Phase ohne nennenswerte Forschungsbeiträge, die durch die Publikation von¨Barbara Lafonds Habilitation "Ludwig Hohl – Autobiographie und Autofiktion. Autobiographisches Schreiben aus dem Nachlass (1926 –1952)" und Martin Raaflaubs Dissertation "Ludwig Hohl. Zur Philosophie der Notizen" beendet werden soll.

Neben diesen Arbeiten, in denen Ludwig Hohl jeweils den zentralen Untersuchungsgegenstand abgibt, wurden Aspekte seines Lebens und Werks auch schon in einigen anderen Dissertationen untersucht. So ist z.B. Jürg Zbinden dem Rechtsstreit zwischen Hohl und dem Artemis Verlag im Zusammenhang mit der Publikation des zweiten Bandes der Notizen nachgegangen (Sternstunden oder verpasste Chancen. Zur Geschichte des Schweizer Buchhandels 1943-1952, Chronos, Zürich, 1995. 312 S.; Zum Inhaltsverzeichnis, vgl. v.a. S. 171-204). In Vom Nutzen und Nachteil der Arbeit. Eine Kritik der Arbeit hinsichtlich ihrer Bedeutung, ihres Werts, ihres Begriffs und ihres realen Einsatzes (Diss. Universität Wien, 2000. 285 S., s. v.a. S.25-47) hat auch Robert Schwarz Hohls Philosophie der Arbeit bereits einige Aufmerksamkeit geschenkt, und schliesslich hat Elio Pellin zuletzt in einer Dissertation, in der er "den Motiven sportlicher Körper in literarischen Texten […] nachspürt" Ludwig Hohl ein eigenes Kapitel gewidmet (Sportliche Körper in ausgewählter Prosa von Lorenz Lotmar, Annemarie Schwarzenbach, Walther Kauer und Ludwig Hohl, Selbstverlag, Bern, 2007. 272 S. Siehe S. 24-69. Zum Inhaltsverzeichnis [auch publiziert als: "Mit dampfendem Leib". Sportliche Körper bei Ludwig Hohl, Annemarie Schwarzenbach, Walther Kauer und Lorenz Lotmar, Chronos, Zürich, 2008]). Für zukünftige Forschende könnten zudem einige unveröffentlichte akademische Studien interessant sein, die als Teil von Hohls Nachlass am Schweizerischen Literaturarchiv einsehbar sind (u.a. von dem TV-Philosophen Gerd Scobel).

Zu Ludwig Hohl wurden auch schon mehrere Tagungen veranstaltet. Die Beiträge des Pariser Colloquiums vom 14.-16.1.1993 wurden im Jahrbuch für Internationale Germanistik veröffentlicht (Reihe A, Band 36, J.-M. Valentin [Hg.] Lang, Bern, 1994. 184 S.; Zum Inhaltsverzeichnis). Zu diesem Band heisst es (Klappentext:)

 

"Ludwig Hohl (1904-1980) gehört zu den wenigen deutschsprachigen Schriftstellern unseres Jahrhunderts, deren Ruf in erster Linie anderen Autoren ([…]) zu verdanken ist, dessen Werk aber sowohl von der Zeitungskritik als auch von den Berufsgermanisten kaum beachtet wird. Die hohen Anforderungen, die Hohl an den Schreibakt stellt, und nicht minder der Primat des Begrifflichen zugunsten des Erzählens geben teilweise von einer Sachlage Rechenschaft, die als desolat angesehen werden darf, so umstritten Hohls Qualitäten im Blick auf Originalität sein mögen. In Ermangelung einer strukturierten, fest etablierten Hohl-Philologie schlagen die im vorliegenden Band gesammelten Beiträge verschiedene Zugänge zu einem noch nicht zur Gänze erschlossenen Werk vor, in welchem aufgrund der Reflexion über das Schreiben, des unsystematischen Denkens des schon Gedachten, der literarischen, auch internationalen, Tradition, der fragmentarischen Ausdrucksmodi den "Rändern", und nicht der "Mitte", Vorrang gegeben wird".

 

Aus Anlass seines dreissigsten Todestages und im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojektsdes Schweizerischen Nationalfonds unter der Leitung von Prof. Rafael Ferber (2010-2013) veranstaltete die Universität Luzern zusammen mit der Ludwig Hohl Stiftung und dem Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) im Herbst 2010 eine wissenschaftliche Gedenktagung zum 'penseur' Ludwig Hohl (Zum Tagungsprogramm ; Zum Tagungsbericht). Aufgrund dieser Initiative erschien eine Autorennummer von Quarto, der Hauszeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs ( Nr. 36, 2013).

An einem Symposium zum Abschluss dieses Forschungsprojekts im Frühjahr 2013 haben neben dem hauptsächlichen Projektausführenden, Martin Raaflaub, auch Frau Dr. phil. habil. Barbara Lafond und Anna Stüssi über die neuesten Resultate aus ihrer Hohl-Forschung resp. -Biographiearbeit berichtet. Weitere Informationen zur Veranstaltung