«Man muss über jeden Gedanken froh sein – merk dir das – ; verachte es nie, sorgsam irgendeinen Gedanken in irgendeinem Moment zu notieren.»[ Aus dem Nachlass, SLA ]

Ludwig Hohl - Nachlass

Ludwig Hohls Nachlass befindet sich am Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) in Bern und ist dort öffentlich zugängig (mit gewissen Einschränkungen aus urherber- und persönlichkeitsrechtlichen Gründen); eine Konsultation ist allerdings nur im Lesesaal und auf Voranmeldung hin möglich. Sein Bestand umfasst mittlerweilen an die dreihundert Archivschachteln und wird soweit noch möglich laufend weiter ergänzt. Das Aufspüren und Zusammentragen weiterer Materialien für den Nachlass ist ein gemeinsames Ziel des Schweizerischen Literaturarchivs und der Ludwig Hohl Stiftung.

Ein elektronisches Inventar erlaubt es den Benutzern, sich im Voraus einen Überblick über die reichhaltigen Dokumente im Nachlass zu verschaffen. Unter den bestehenden Inhalten findet man neben einigen unveröffentlichten Texten auch zahlreiche hand- und maschinenschriftliche Frühfassungen und Grundmanuskripte veröffentlichter Werke, umfangreiche Korrespondenz und die vielfältigsten Lebensdokumente. Speziell zu erwähnen ist eine, im Zeitraum zwischen 1960 und 1980 (fast) vollständige Sammlung von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, die Ludwig Hohl selber angelegt hat. Im Weiteren umfasst der Nachlass umfangreiches Ton- und Bildmaterial und – als einer der ersten Nachlässe im Schweizerischen Literaturarchiv – auch die Privatbibliothek des Autors.

Nachdem Hugo Sarbach, der in Hohls letzten Jahren für ihn ein wertvoller Freund geworden war, seinen Nachlass lange Jahre betreut hat, wird er seit dessen Pensionierung (2011) von Magnus Wieland weiter betreut.


Ein "Nachlass zu Lebzeiten"

Hugo Sarbach (Bild: Valérie Chételat)

Der Schriftsteller Ludwig Hohl hinterliess einen Nachlass, der – bei der Notdüftigkeit des Erblassers – von ansehnlichem Ausmass ist; er fand im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern anfänglich in 270 Archivschachteln Platz, ist aber unterdessen auf über 300 Schachteln angewachsen. Zum Vergleich: Bei Friedrich Dürrenmatt, der in Hohls Leben eine sehr freundschaftliche Rolle gespielt hatte, sind es 500 Schachteln... Weit relevanter als dieser materielle Aspekt ist der Umstand, dass Hohls Nachlass die Existenz seines Urhebers widerspiegelt; Selbstinszenierung und Fakten durchdringen sich auf vielfältige und nachhaltige Weise.

Wie sehr allein die fast lebenslange materielle Not Hohls am Nachlass abzulesen ist, fällt von Anfang an auf. So ist Hohls Privatbibliothek bescheiden; er lieh sich seine Bücher mehrheitlich in öffentlichen Bibliotheken aus. Zu Beginn, aber auch später immer wieder, sah er sich genötigt, auf alles Mögliche zu schreiben, was an Papier vorhanden war, weil das Geld zum Erwerb von anständigem Papier oft einfach fehlte. Die Handschrift von "Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung ", die als wertvollstes Stück nachträglich und zufälligerweise zum Nachlass gekommen ist, bezeugt und illustriert dies – lauter Zettel, Berge von Zetteln, in allen möglichen Formaten und Formen. Ironie des Schicksals: Ludwig Hohl entstammte mütterlicherseits einer Papierfabrikantenfamilie. Aus Briefen von Hohl ist zu erfahren, dass sich seine Schreibmaschine des öfteren in Pfandleihhäusern befand.

Nachdem sich der junge Hohl einmal für eine Schriftstellerexistenz entschieden hatte, war er um keinen Preis mehr gewillt, eine andere Tätigkeit auszuüben als die des Denkens und Schreibens, selbst als er einsehen musste, dass er vom Schreiben allein nicht leben konnte. Er empfand es laut eigener Aussage als eine "Infirmität", dass er in Not lebte. Vermutlich auch aus Not schrieb Hohl in Winzigschrift und in engstem Zeilenabstand kleinformatige Hefte bis an alle Ränder voll. Seine ersten Produktionen als Schriftsteller präsentieren sich auf diese Weise, 30 Hefte, "Epische Schriften" bzw. "Grundschriften" genannt. Manuskripte oder Typoskripte heftete er eigenhändig und sorgsam und versah sie mit einem selbst angefertigten Einband, etwa das sogenannte dreibändige "Grundmanuskript" der Notizen, d.h. er fertigte gleichsam aus dem Typoskript ein 'Buch' an, bevor es als Buch herauskam. Solche Unikate bewahrte er bis zum Tod auf oder gab sie seinerzeit, d.h. vor dem Zweiten Weltkrieg, bei Freunden und Freundinnen in Verwahrung.


Über Hohls Lebensumstände geben hauptsächlich seine erhalten gebliebenen Agenden von den 1930er Jahren an und die sich daran anschliessenden sogenannten "Journale" ab Mitte der 1950er Jahre sowie Briefe Auskunft. Unter "Journalen" sind im Fall von Hohl nicht eigentliche Tagebücher, sondern tägliche Aufzeichnungen auf gesammelten Zetteln zu verstehen; die Notate reichen bis in die kleinsten und privatesten Details des Tagesablaufs hinein. An erster Stelle lange Zeit die konstante materielle Notlage und die daraus resultierende Erfolglosigkeit als Autor; festgehalten sind aber auch Arbeitsvorgänge samt Angabe der betreffenden Werke, des zeitlichen Aufwands oder des täglichen Seitenumfangs; Angaben über den Gesundheitszustand, die Ernährung, über Begegnungen, Veranstaltungen, Begebenheiten, Telephonate u.a.m. Diese Selbstdokumentation von Tag zu Tag und über lange Zeiträume – sie ist auch ausserhalb der Agenda-Aufzeichnungen anzutreffen, etwa beim Ablegen von Abdrucken, Rezensionen und Würdigungen oder beim Aufzeichnen von Einnahmen und Ausgaben oder bei Protokollen von Bergbesteigungen – dürfte einmalig sein, es sei denn, man denke an Georg Christoph Lichtenberg (vgl. auch Hugo Sarbachs Artikel "Ludwig Hohls Lebensspuren" in: Quarto 36/2013, S. 20-24).


Bei der Konstellation protestantisches Pfarrhaus versus Freidenkertum, vermögendes Elternhaus und lebenslange Mittellosigkeit, Beziehung zu grossen Geistern in einer unverständigen Umwelt und nicht zuletzt schwer lebbare Liebesbeziehungen versus Alkohol war die Entscheidung für eine écriture absolue vorprogrammiert. Das Werk lag zur Hauptsache vor, als der Autor nicht viel mehr als 30 Jahre alt war, und nichts war erschienen. In den Erstausgaben von "Nuancen und Details III" und "Vom Arbeiten", beides Genf, Im Selbstverlag, 1942 bzw. 1943, sind 6 Werke aufgeführt, die bereit waren zum Druck: Ein Nachlass zu Lebzeiten oder wie es dort bei Robert Musil heisst: "Wie immer das aber auch sei und was immer sich von der Frage vermuten liesse, wann ein Nachlass von Wert sei, und wann bloss einer vom Werte: ich habe jedenfalls beschlossen, die Herausgabe des meinen zu verhindern, ehe es soweit kommt, dass ich das nicht mehr tun kann. Und das verlässlichste Mittel dazu ist es, dass man sich selbst bei Lebzeiten herausgibt; mag das nun jedem einleuchten oder nicht." (Robert Musil: Nachlass zu Lebzeiten. Hamburg 1957, Vorbemerkung.)

Ludwig Hohl hat für sich eine Existenzform gekannt, die ihn zu einem Meister der Kunst und des Lebens werden liess. Es ist bezeichnend, dass es vor allem Schriftsteller waren, die ihn hochschätzten. Dass er ein polemischer Geist war, damit konnten sich nicht alle gleich abfinden. Ein Bestsellerautor war Hohl nie, konnte es nicht sein – seine Bücher waren zu geistig ausgerichtet. Als Autor, aber auch als Mensch entzieht sich Ludwig Hohl der Zuordnung in gängige Vorstellungen oder Normen.

Wer Hohl im Alter begegnete, konnte auch dessen Person als ein regelrechtes "Werk" erleben, so lange hatte sich der Privatmann mit dem Autor identifiziert. Abgesehen von ein paar Anekdoten und Legenden hat die Öffentlichkeit davon bisher kaum Kenntnis erhalten. Es ist der Nachlass, der Einblick gewährt in Hohls äusseres wie inneres Exil, in Einsamkeit und Melancholie, trotz zahlreichen Frauenbekanntschaften, fünf Ehen und einer Tochter, Widerwärtigkeiten, aber auch in persönliche und öffentliche Erfolge. Es muss eines ungeheuren Selbstbehauptungswillens bedurft haben, ein solches Leben zu bestehen.

Hohl verbrachte nahezu einen Drittel seines Lebens in einer Art von Verlies, war in dem Sinn eigentlich schon nicht mehr ganz von dieser Welt, man stand fast wie in Platons Höhle vor der Wand. Nach eigenen Angaben entschloss sich Hohl für eine Kellerwohnung, weil er dort seine Ruhe hatte, seinerseits niemanden störte und weil die Miete niedrig war. Es existierte zwar noch eine Parterrewohnung; sie diente vor allem seinen Frauen als Unterkunft. Neben der Vervollkommnung des Bestehenden entstanden keine eigentlich neuen Werke mehr. Hohl hatte begonnen, die Existenz als Schriftsteller absolut zu setzen. Er lebte und ertrug sie mit einer Konsequenz, die immer wieder bis zum Äussersten ging. Er lebte dem Sinnen und Denken, auch wenn er nicht schrieb. Wer je in Hohls Keller war, weiss, dass an einem solchen Ort das Leben eigentlich schon aufgehört hatte zu sein; wir befinden uns gleichsam bereits auf der anderen Seite des Flusses. Nur mehr das Eigentliche zählte, Konzessionen waren hinfällig geworden. Hohl war nicht gross von Gestalt; ihm gegenüber konnte man sich aber klein vorkommen.

Neben Materialien zu den Werken, Druckvorlagen, Fahnen, Umbrüchen, neben den Tagesaufzeichnungen und den Briefen finden sich auch amtliche Dokumente, Photographien, Tonbandaufnahmen, Filme, Landkarten, Geschäftliches usw. im Nachslass. Ausser Seil und Pickel des Alpinisten Hohl sowie dem Schreibwerkzeug des Autors Hohl ist an Gerätschaften hingegen kaum etwas vorhanden. Hohl las häufig Zeitungen und Zeitschriften, er legte vieles ab, so dass mit der Zeit eine Art Enzyklopädie seines Wissens entstand, nach Themen geordnet. Ein Grossteil dieser Sammlung des Autodidakten Hohl ist bei einem Umbau kurz vor Lebensende abhanden gekommen; schuld daran war eine Baufirma, welche Hohls Wohnung aufbrach und räumte.

Im Schweizerischen Literaturarchiv wurde am Gesamtnachlass als erstes eine detaillierte Bestandesaufnahme vorgenommen. Es ist darin festgehalten, was der Nachlass im einzelnen umfasst und in welcher Anordnung und in welchem materiellen Zustand er sich befand, als er ins Archiv kam. Das zu wissen, kann für die Forschung von Bedeutung sein. Als nächstes galt es, konservatorische Massnahmen zu treffen. Es werden alle Nachlassstücke in säurefreien Umschlägen und vor Licht geschützt aufbewahrt. Wo es angezeigt und möglich war, wurden Schäden am Papier behoben. Von allen erhaltenswerten Dokumenten wurden Mikrofilm- oder Photokopien zur Sicherung oder für die Benutzung erstellt. Nach der Umlagerung, Bestandesaufnahme, Konservierung und Sicherung wurde der Gesamtnachlass strukturiert, in einem Verzeichnis erschlossen und elektronisch erfasst.

Im Nachlass von Ludwig Hohl findet sich eine Brustflasche, halb gefüllt mit einer undefinierbaren Flüssigkeit. Bis ins Alter war Alkohol ein ständiger Begleiter. Er pflegte das Trinken mit kultischer Gebärde, wie sein Leben überhaupt, entgegen der Bohèmehaftigkeit und der Exzentrik, die ihm nachgesagt werden, von einem unbeirrbaren Glauben an den Verstand bestimmt war.

Dass Hohl ausschliesslich Schriftsteller sein wollte, bezeugt eine Notiz, die sich im Nachlass findet. Er hat sie 1944 für eine Publikation 'zurückgestellt', d.h. vermutlich angezweifelt: "Unbedingt wahr ist in der menschlichen Welt nur ein einziger Ort: nicht die beste Politik, nicht die Freundschaft und nicht die Liebe: nur die Kunst." Es wäre nachzutragen, dass Ludwig Hohl Liebe und Freundschaft hoch schätzte. So versah er ein Aquarell, das ein aufrecht stehendes, Ausschau haltendes Murmeltier über allen Bergen darstellt, mit dem Goethe-Zitat: "Hast du Begriff von Öd' und Einsamkeit?"