«Da streiten sie immer über das Verhältnis von Kunst und Leben und behaupten entweder, dass Kunst und Leben nichts miteinander zu tun hätten, oder dass sie viel miteinander zu tun hätten; aber Kunst und Leben sind ein und dasselbe.» [ Die Notizen IV,5 ]

Ludwig Hohl - Leben

Hinweis: Detaillierte Angaben zur ersten Hälfte von Ludwig Hohls Leben bietet Anna Stüssis Biographie "Ludwig Hohl. Unterwegs zum Werk. Eine Biographie der Jahre 1904-1937".


Leben als Legende

Ludwig Hohls Leben wurde zur Legende, noch bevor es zu Ende gelebt war. Hohls 'legenda' – seine zu lesenden Werke – wurden und werden immer noch von sagenhaften Skandalen und skurrilen Gerüchten um seine eigenwillige Existenzweise überschattet. Wer in den 1960er Jahren gebildet erscheinen wollte, hatte Ludwig Hohl, das verkannte Genie in Genf, zu kennen – oder glaubte zumindest, ihn zu kennen; zu lesen brauchte er ihn nicht. Dabei hatte Peter Bichsel zu Recht bemerkt:

Bild: Daniel Vittet

Die Leute, die Hohl als Geheimtipp verkaufen wollen, tun ihm einen schlechten Dienst. Meist bieten sie Anekdoten über Alkohol und Keller, über Bohemie und Genie herum und machen aus einem Schweizer etwas Exotisches, aus einem mühsam Arbeitenden ein junges originelles Talent. Wenn ich irgendwo den Namen Hohl erwähne, kommt unweigerlich die Frage: "Ist das der, der im Keller lebt?" Ich habe mir angewöhnt, über die Frage erstaunt zu sein und zu sagen: "Davon weiss ich nichts, und ich müsste es doch wissen, da ich ihn kenne." Hohl ist nicht einer, der im Keller lebt, sondern einer, der schreibt. (Zürcher-Woche, 3./4.5.1969)

Nur wenige, die Ludwig Hohl entweder damals näher gekannt oder sich in der Zwischenzeit ernsthaft mit ihm beschäftigt haben, vermögen in seinem Leben mehr zu erkennen als den Mythos vom Bürgerschreck im Kellerloch: den Schriftsteller des Absoluten, früh vollendet, spät entdeckt - einen Menschen, der das Ungeheure wagte, in der Wahrheit zu leben, wie es bei Vaclav Havel heisst, das, was wir alle wollen, wirklich zu wollen; einen grossartigen, einmaligen Vermittler des Zugangs zu eigenem Leben. Dabei steht Hohls literarisches Werk durchaus in einer konstitutiven Wechselwirkung mit seinem eigenen (Er-)Leben, was die Dekonstruktion der hartnäckig sich haltenden Legenden umso dringender erscheinen lässt. Erste Ansätze dazu bieten Anna Stüssis Biographie Ludwig Hohl. Unterwegs zum Werk. Eine Biographie der Jahre 1904-1937 Werner Morlangs Gespräche mit Hanny Fries in Die verlässlichste meiner Freuden .)




Jugendjahre in der Schweiz

Ludwig Hohl kam am 9. April 1904 im glarnerischen Netstal am Nordfuss der Schweizer Alpen zur Welt, als Sohn des reformierten Pfarrers Arnold Hohl (1868-1960) und der Magdalena Zweifel (1882-1974), die aus lokalen Industriellenkreisen stammte. Von Netstal zog der sechsjährige Hohl, der als Kind in einer engen Beziehung zur Grossmutter mütterlicherseits gelebt hatte, mit Vater, Mutter und einer Schwester in den mittelländischen Kanton Thurgau, zuerst nach Sirnach und dann nach Münchwilen, von wo aus er das Gymnasium in Frauenfeld besuchte. Aus jener Zeit datieren ein Jugendtagebuch (1921-1922) und der Beginn zweier "Bergtourenhefte" (1922-1929). Sein vorzeitiger Abgang von der Schule – der notabene nicht, wie immer wieder irrtümlicher Weise behauptet wurde, durch die Schulleitung erzwungen wurde – leitete die alles entscheidende Veränderungen in seinem Leben ein. Er brach mit dem pfarrherrlichen Elternhaus, verliess es für immer und widmete sich in Zürich dem Selbststudium; er verliess (nach nicht bestandenem Abitur) das Land und zog, kaum 20jährig, mit seiner damaligen Freundin Gertrud Luder (1906-1946) nach Paris, um Schriftsteller zu werden.



 

Schriftsteller im Exil – Paris, Wien, Den Haag

Wie ernst es ihm mit diesem Vorsatz war, beweist allein schon der Umstand, dass er von 1924 bis 1930 in Frankreich blieb und diese Jahre später als die wichtigste Zeit für seine geistige Entwicklung ansah. 1925 erfolgte die erste Publikation aus eigener Hand, ein schmales, selbst verlegtes Bändchen Gedichte , dessen Inhalt er später mehrheitlich verwarf. Hohl hielt sich in Frankreich vor allem in der Metropole und in der Banlieue von Montrouge und Malakoff auf, aber auch in Marseille und Umgebung, in Le Bourg d'Oisance bei Grenoble oder Annecy in Hochsavoyen. Er verfasste "Epische Schriften" (1926-1937) – eine Mischform zwischen Autobiographie und Erzählung – und schrieb eine Reihe von Novellen, Chroniken, Berichten, Aufsätzen und Versuchen, wie er es nannte. Im Dauphiné (französisches Zentralmassiv) ging er seiner grossen Passion, dem Bergsteigen, nach und vollbrachte ausserordentliche Leistungen im Alleingang. Im Verlauf der Beschäftigung mit den "Epischen Schriften" stiess er auf die Form des ihm angemessenen Schreibens – die ‚Notiz'.



Nach Aufenthalten in Wien und in Grein an der Donau, zwischendurch auch in der gemiedenen Schweiz – seit seiner Pariserzeit und Zeit seines späteren Lebens weigerte sich Ludwig Hohl, Schweizer Mundart zu sprechen, sondern sprach Schriftdeutsch – siedelte er im Jahr 1931 aus vorwiegend ökonomisch-praktischen Gründen nach Holland über und liess sich für sieben Jahre in Den Haag nieder. In Wien hatte er seine erste Frau kennen gelernt, Charlotte von Mayenburg, die ihm auch nach der Scheidung lebenslang verbunden blieb (verheiratet 1935-1945). Mit Ludwig Hohl auf Dauer zusammenzuleben, gelang keiner der fünf Frauen, mit denen er verheiratet war: Hanny Fries (1946-1947), Heidi Antoine (1948-1951, eine Tochter), Erna Tschanz (1963-1970) und Madelaine Constançon-de Weiss (1980). Auch das Werk des österreichischen Schriftstellers Karl Kraus, den Hohl später zu den Allergrösten zählen sollte, hatte er in seiner Wiener Zeit schon kennengelernt. Zunächst wurden für ihn aber noch einmal einige der grossen Geister wegweisend, die er bereits als Kantonsschüler sehr verehrt hatte, wie Nietzsche, Goethe, Kleist, Spinoza. Zu diesen Fixsternen an seinem geistigen Firmament gesellten sich in den Jahren seines Exils auch Lichtenberg, Heraklit, Katherine Mansfield und Albin Zollinger. Mit Montaigne, Pascal, Balzac, Proust sowie etwas später auch Valéry und Gide glaubte Ludwig Hohl bei auffallend vielen französischen Schriftstellern und Philosophen die gesuchte Bestätigung in seinem Denken und Schreiben zu finden. Unter den bildenden Künstlern bewunderte Hohl v.a. Cézanne, van Gogh und Max Gubler. Auch die (klassische) Musik hatte einen festen, fast heiligen Platz in seinem Leben. (Leider wurde bisher weder Hohls Verhältnis zur Musik noch zur Malerei näher untersucht.) Von Wien reiste Hohl weiter nach Den Haag, wo er sein bisheriges, vergebliches Festhalten an seinem grossen Romanprojekt "Mitternachtsgesellschaft" aufgab und für sich eine neue Form erfand.

 

Die grosse Eruption

Trotz extremer materieller Not und "geistiger Einöde" entstand in Holland in den Jahren 1934-1936 die handschriftliche Fassung auf Tausenden von Zetteln von Hohls umfangreichstem Werk: Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung , das seinen Ruf begründet hat: nicht wegzudenken für die einen, ignoriert oder abgelehnt von den anderen. Wie zur Einführung gehen den Notizen Nuancen und Details voraus (entstanden ebenfalls in Holland in den Jahren 1932-1935). Nach den Notizen schrieb Hohl an "Nachnotizen", aus denen in den 1950er bis 70er Jahren das nie vollendete zweite grosse Werk hervorging:Von den hereinbrechenden Rändern. In Rohfassungen lag Hohls Werk also eigentlich schon früh vor. Der Autor überarbeitete es aber vom Ende der 1930er Jahre an in den einzelnen Teilen bis zu seinem Lebensende. (Sogar im gedruckten Werk finden sich noch Berichtigungen oder Präzisionen.)

In Hohls Leben lassen sich grob drei Schaffensperioden unterscheiden: die 1930er und frühen 40er Jahre mit Nuancen und Details, Nächtlicher Weg und Die Notizen; dann eine kurze Zeitspanne in den 50er Jahren mit sogenannten Nachnotizen unter dem Titel Von den hereinbrechenden Rändern sowie zuletzt die Jahre 1971-1975 mit neueren Anläufen zu Von den hereinbrechenden Rändern und der Publikation der endgültigen Fassung von Bergfahrt , deren Ursprünge bis in die "Epischen Grundschriften" zurückverfolgt werden können.

 

Schriftstellerexistenz in Genf

Im März 1937 verliess Ludwig Hohl Den Haag, von Gläubigern geplagt, und liess sich nach einem Abstecher nach Paris in Genf nieder, wo er an seinen Werken im Hinblick auf eine Veröffentlichung arbeitete, eine abwägende und berichtigende Tätigkeit, die er lebenslang ausübte. Er blieb bis zu seinem Tod in dieser frankophonen Stadt am Rande der Schweiz. Zuerst publizierte er in Zeitungen und Zeitschriften, was sein einziges eigenes Einkommen darstellte. Um seine Existenz bestreiten zu können, war Hohl auf private wie öffentliche materielle Unterstützung von aussen angewiesen. Ludwig Hohl verbrachte nach mehrmaligen Wohnwechseln in der Rhonestadt – Rue Charles-Bonnet, Rue du 31 décembre, Rue de la Terrassière – einundzwanzig Jahre seines Lebens, von 1954 bis 1975, in einem Kellergemach an der Rue David Dufour 4. Nicht zuletzt deshalb geriet er in den Ruf eines Sonderlings und Einzelgängers, dem Trunke und der Polemik ergeben, an einem rational, ethisch und melancholisch ausgerichteten Werk arbeitend, das eine breite Leserschaft nie erreichen konnte. Geplagt zwar von Ausnahmezuständen, war er in seiner Existenz durch nichts aufzuhalten und durch nichts zu beirren. Hohls Lebenswille war wahrscheinlich derjenige zu maximaler Authentizität; sein grösster Glaube war der an die Vernunft. Diese beiden Stützen machten ein Einzelgängerdasein möglich.

Der hohlsche Tag bzw. die Nacht im Keller sah folgendermassen aus: ein paar Stunden Nachtruhe, dann zur Entgiftung von Alkohol grosse Mengen kalter Milch, Körperübungen und -pflege (culture physique genannt); Schreiben bei Kerzenlicht in einer Verfassung zwischen Trunkenheit und Nüchternheit, Studium, Kontemplation; gegen Mittag eine Mahlzeit, zweiter Schlaf; anschliessend Gänge, Besuche usw.; am Abend Lektüre, Trinken, Besucher und Besucherinnen, Telephonate, Kneipen, manchmal Kino; dritte Tagesmahlzeit um Mitternacht; ein paar Stunden Schlaf, wie eine Uhr oder wie man es Imanuel Kant nachsagt. Sein kompromissloses, intensives, auf wenige Menschen ausgerichtetes Privatleben und sein Schreiben ausserhalb von Gesellschaft und Zeitgeschehen wussten vor allem seine Freunde zu schätzen, als einer der Ersten Albin Zollinger, dann Konrad Bänninger, Paul A. Brenner, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Gilbert Troillet, der Musiker Rolf Looser oder der Bildhauer Hans Aeschbacher, die Philosophen Hans Saner und Hans Geyer und in den letzten Jahren Adolf Muschg, welcher Ludwig Hohl bei Suhrkamp einführte, Peter Handke, Elias Canetti sowie der Verleger Siegfried Unseld. Gefördert wurde er in den Anfängen von Robert Mächler, Max Rychner, Carl Seelig, Traugott Vogel u.a.; eine ganze Reihe von unbekannten Bewunderern unterstützte ihn materiell, wie aus dem Briefnachlass hervorgeht. Dazu zählten auch die Leute, welche Hohl regelmässig in dessen Kellerbehausung aufsuchten, deren Namen aber privat blieben. Eine wichtige Freundschaft und kurze Ehe verband Ludwig Hohl mit der Zürcher Künstlerin Hanny Fries (1918-2009); die beiden lebten eine Zeitlang im Berner Jura. Nach der Scheidung von seiner dritten Frau, Heidi Gerber, hielt sich Ludwig Hohl für einige Zeit bei Hans Aeschbacher in Six-Fours-la-Plage (Südfrankreich) auf; einmal – nach einem unfreiwilligen Aufenthalt in einer Genfer Klinik – kurz bei Friedrich Dürrenmatt in Neuchâtel (vgl. dessen Erinnerungen in Vallon de l'Ermitage).


Späte Anerkennung

Hohl trat auch an die Öffentlichkeit; anfangs pflegte er in Genf eine Vortragstätigkeit in kleinem Kreise, später wurden Lesungen veranstaltet, bei denen er in verschiedenen Schweizer Städten zu hören war. Er war Mitbegründer der Schweizer Autoren Gruppe Olten, davor lange Mitglied des Schweizerischen Schriftsteller-Vereins (SSV), welcher ihn über eine sogenannte Werkbeleihungskasse finanziell unterstützte. Breitere Anerkennung stellte sich spät ein. Ende der 1960er Jahre, nachdem es um den "grossen Unbekannten", wie er von der Kritik auch bezeichnet wurde, fast völlig still geworden war, tauchte Hohl aus der Vergessenheit etwas auf, als nämlich die Genfer Literaturzeitschrift "La Revue de Belles-Lettres " ein Heft über ihn herausgab. Ein paar Jahre früher hatte Alexander J. Seiler in der Basler "National-Zeitung" über Hohl geschrieben und ihn für die deutschsprachige Schweiz ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückgeholt ("Das Kleinste und das Grösste"). 1971 wurde Ludwig Hohl Suhrkamp-Autor, und von da an verbesserte sich seine Lage; zudem war er durch eine Familienerbschaft endgültig frei von materiellen Sorgen, von denen er so lange geplagt gewesen war. Ludwig Hohl erhielt 1965 den Preis des Lions Clubs Basel, zweimal den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1970 und 1976), 1978 den einmalig verliehenen Robert Walser-Centenar-Preis und im Todesjahr den Petrarca-Preis.



Die letzten Jahre

Bei Renovationsarbeiten im Haus, deretwegen Hohl aus dem Keller in ein Provisorium im Erdgeschoss umgesiedelt worden war, wurde ein Teil seines Nachlasses vernichtet. Die letzten Lebensjahre waren überschattet von Alter und Krankheit. Am 3. November 1980 erlag Ludwig Hohl im Alter von 76 Jahren einem Beinleiden, wenige Monate vor dem Erscheinen der Notizen in einem einzigen Band. Sein Grab befindet sich auf dem Genfer Prominentenfriedhof Plainpalais; an seiner Seite ruht Madeleine Hohl- de Weiss (1916-1994). Der Schweizer Dokumentarfilmer Alexander J. Seiler hat ihm mit "Ludwig Hohl. Ein Film in Fragmenten " 1982 ein Denkmal gesetzt. Zum 100. Geburtstag von Ludwig Hohl hat das Schweizer Fernsehen dem Autor eine "Sternstunde Kunst" gewidmet (Ludwig Hohl. Ein Film v. Arthur Spirk).